Das mobile Ding des Monats JULI

Suras Fluchtgewand

Die Fotografie zeigt die Kleidung einer jungen Frau: eine Jenas-Hose mit Gürtel, eine Jeans-Jacke, eine Bluse so-wie ein Halstuch. Es handelt sich um ein Foto von Sura, einer zum damaligen Zeitpunkt 19-jährigen Frau, die rund um das Jahr 2015 mit ihrer Familie über Griechen-land, Mazedonien, Serbien und Ungarn von Syrien aus nach Österreich geflüchtet ist. Das Foto wurde bei einem Erzählcafé aufgenommen. Im Rahmen eines moderierten Gruppengespräches wurden hier lebensgeschichtliche Erzählungen zu ‚Dingen‘ gesammelt, die für die Teilneh-merinnen eine besondere Bedeutung im Kontext ihrer Fluchterfahrung haben.

 

Das Gewand, das auf der Fotografie gezeigt wird, hat Sura explizit für den Anlass des Erzählcafés aus ihrem Kasten genommen und angezogen. Die blaue Jeans-Hose und die blaue Bluse wurden auf ihrer Flucht erworben und haben eine besondere Bedeutung für sie. Die blau-weiß karierte Bluse hat Suras Vater in Griechenland für sie gekauft, die blaue Jeans-Hose wurde in Serbien er-worben. Sura rahmt den Kauf der neuen Kleidung dabei als familiäre Entscheidung, die dem Zweck eines besse-ren Erscheinungsbildes dient, wie sie nachfolgend erläu-tert: „Wir haben zusammen […] ich, mein Vater und mei-ne Mutter gesprochen und dass wir kaufen neue Kleidung. Wir haben gesagt äh (.) das (Österreich) schaut schön aus […] neue Kleidung ist besser.“ (Z. 595-597). Unter Zeitdruck wurde die Hose erworben: „wir müssen in diese Tag schnell unsere Sachen kaufen, weil wir müssten flüchten am Abend“ (Z. 435-436). Sura ist es unter den gegebenen Fluchtbedingungen wichtig, nicht lediglich irgendeine Hose zu kaufen, sondern „eine Hose [zu] finden, das mir gefällt und meine Size“ (Z. 437). Nach dem Erwerb der Bluse und der Hose trägt sie das Gewand als eine Art Glücksbringer am Körper. Sie hat das Gefühl, dass ihr das Gewand Sicherheit gegeben hat. Als sie mit ihrer Familie nach Österreich einreist, hatte sie Angst nach Ungarn zurück ausgewiesen zu werden und be-nennt, wie in dieser schwierigen Situation das Gewand zu ihrem Glücksbringer wird: „Ich kann nicht sagen, ich fühle mich, dass eh hat diese Kleidung Gelück für mich gegebt und ich hab Polizei uns genommen und nicht (.) ä:hm. hat nicht gesagt muss/ müssen wir zurückgehen (.) und die Polizei war sehr nett.“ (Z. 285­-261). Obwohl Sura die Klei-dungsstücke im Alltag nicht trägt, bewahrt sie diese trotzdem in ihrem Kleiderschrank auf und beschreibt deren Bedeutung wie folgt: „Das gibt mir eine (.) Gefühl, ich weiß nicht (.) wie kann man vorstellen, es ist zwischen Glücklichkeit und Traurigkeit, weil ich bin glücklich, dass bin ich in Österreich gekommen und ich bin trau/ ich war traurig, dass ich hab meine Heimatland verlassen. Zwi-schen, ja.“ (Z. 235-238). Mittlerweile blickt Sura auf die-ses ‚Dazwischen‘ mit einer nuanciert veränderten Pers-pektive: „[…] ich fühle mich, dass ich bin jetzt [an]gekom-men“ (Z. 357f.).

 

Die Kleidung von Sura macht sowohl die Mobilität an-hand der Fluchtpunkte (Griechenland und Serbien), an denen das Gewand erworben wurde, sichtbar. Sie ver-deutlicht aber auch den Bedeutungswandel und die Bedeutungsvielfalt des Fluchtartefakts: der Kleidung schreibt sie die Wirkung zu, die Einreise und vor allem die individuelle Bleibeperspektive in Österreich positiv zu be-einflussen. Andererseits wird die Kleidung im Kontext eines Glücksbringers, als emotionales Artefakt in Bezug auf die eigene Fluchtgeschichte repräsentiert.

Die Interviewauszüge stammen aus dem Transkript des Erzählcafés vom 12.07.2019 und beziehen sich auf die jeweils angeführten Zeilennummern. Der Name wurde anonymisiert.

 

Katharina Auer-Voigtländer, Researcher am Ilse Arlt Institut für Soziale Inklusionsforschung

 

 

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