Das mobile Ding des Monats OKTOBER

Wie der heilige Rupert von Salzburg im

18. Jahrhundert nach Schlesien kam

Religiöse Medaillen lassen auf vielfältige Weise Mobilität sichtbar werden, sei es, dass sie eine Herstellermarke ei-ner namentlich bekannten Medailleurswerkstätte zeigen und damit ihr Weg von der Produktionsstätte zum Auf-findungsort nachvollziehbar ist; sei es, dass es sich um Wallfahrtsandenken handelt, die auf Pilgerreisen hinwei-sen. Sie eignen sich darüber hinaus auch sehr gut dazu, die Verbreitung von religiösen Motiven und Ideen quer durch das frühneuzeitliche katholische Europa nachzu-vollziehen. Das vorgestellte Stück ist eine in einem Grab des ehemaligen St. Pöltner Stadtfriedhofs vorgefundene Wallfahrtsmedaille aus Maria Weisswasser/Bílá Voda, einem kleinen Ort im Nordosten Mährens, direkt an der Grenze zwischen der Tschechischen Republik und Polen gelegen. Der kleine gegossene Anhänger aus einer Kup-ferlegierung zeigt auf der Vorderseite das mit Umschrift titulierte Mariengnadenbild des Kultortes (S M . M[A]RIA I[N] WEIS – WASSER ORA P [N]). Die Rückseite trägt da-gegen einen in Österreich gut bekannten Heiligen: Rupert von Salzburg – im Bischofsornat, mit Krummstab und dem typischen Attribut, einem Salzfass (Umschrift: S . RVDPE[R]TVS – ORA : PRO . NO :).

Die Motivkombination wirft die Frage nach dem Zusam-menhang zwischen dem kleinen Ort in Schlesien und Salzburg auf – und von einer Verbindung ist auszugehen, folgt man der ungeschriebenen, aber allerorten erkenn-baren Gestaltungsregel religiöser Medaillen: die Motive der jeweiligen Seiten wurden nie zufällig gewählt, son-dern sorgsam ausgesucht und aufeinander abgestimmt. So wurden beispielsweise Heilige ein und derselben Or-densgemeinschaft miteinander kombiniert oder Kultbil-der von Pilgerstätten abgebildet, die zusammen im Rah-men von Mehrortewallfahrten besucht wurden (z.B. Ma-riazell – Maria Taferl).

Wie lässt sich nun die Verbindung zwischen Maria Weiss-wasser und dem Salzburger Landespatron erklären – weitab seiner Hauptverehrungsregion und des Einfluss-bereichs des Erzbistums Salzburg? Ein Blick in die Ge-schichte des Ortes beantwortet diese Frage recht rasch: Das Verbindungsglied ist ein gewisser Jakob Ernst von Liechtenstein-Kastelkorn (1690–1747), ein Geistlicher aus einem ursprünglich aus Südtirol stammenden Adels-geschlecht, der 1723 in Weisswasser/Bílá Voda ein Pia-ristenkloster und -kolleg stiftete und damit der schon zu-vor existierenden Wallfahrt einen entscheidenden Auf-schwung gab. Jakob Ernst hatte zunächst Philosophie und Rechtswissenschaften in Brünn und Olmütz studiert, schlug jedoch in der Folge eine kirchliche Laufbahn ein, die ihn erstmals 1717 nach Salzburg führte, wo er seinem Bruder als Domherr folgte und rasch auf der kirchlichen Karriereleiter emporstieg. Nach Stationen als Bischof in der salzburgischen Diözese Seckau (1728) und als Fürst-bischof von Olmütz (1738–1745) bekleidete er bis zu seinem Tod 1747 das Amt des Salzburger Fürsterz-bischofs.

Rupert von Salzburg kann daher als direkte Referenz auf diesen bedeutenden Förderer der frühneuzeitlichen Wall-fahrt nach Weisswasser/Bílá Voda verstanden werden und – wird der Faden weiter gespannt – die Entstehung der Medaille damit frühestens mit 1723 angesetzt wer-den, eventuell auch erst mit der bischöflichen Amtszeit Jakob Ernsts’ in Salzburg 1745–1747. Mit dem Piaristen-orden als Verbindungsglied lässt sich das „mobile Netz-werk“ aus religiösen Motiven und Akteur*innen dann wei-ter direkt in die niederösterreichische Landeshauptstadt ziehen, unterhielt der Orden doch zwischen 1753 und 1776 auch in St. Pölten ein Kloster und Kolleg. Es ist also sehr wahrscheinlich, dass die Medaillen aus Maria Weiss-wasser/Bílá Voda direkt oder indirekt über Vermittlung der Piaristen in die Stadt kamen – sei es, dass in der hie-sigen Niederlassung diese Wallfahrtsmedaillen angebo-ten wurden, sei es, dass vielleicht sogar Pilgerreisen dort-hin organisiert wurden.

So kam also der heilige Rupert von Salzburg nach Schle-sien – und weiter nach St. Pölten. Ob seine Verehrung in Schlesien abseits der Piaristenniederlassung in Weiss-wasser/Bílá Voda eine Verbreitung erfuhr, wäre noch zu erforschen.

Karin Kühtreiber, Institut für Realienkunde des Mittel-alters und der frühen Neuzeit der Universität Salzburg, Standort Krems (IMAREAL)

 

Abbildung: Wallfahrtsmedaille Grabungen St. Pölten, Domplatz, Fnr. 15_KF_571, Fundverbleib © Stadtmu-seum St. Pölten. Foto: Peter Böttcher, Institut für Reali-enkunde des Mittelalters und der frühen Neuzeit der Universität Salzburg, Standort Krems

 

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