Das mobile Ding des Monats MÄRZ

Der „Sonntagswagen“

Bei manchen Dingen ist es naheliegend, dass sie bei der Flucht oder anderen Migrationsbewegungen verwendet wurden – etwa, wenn sie selbst „mobil“ sind bzw. „mobil machen“. Fahrzeuge und Beförderungsmittel fallen in diese Kategorie. Entsprechend kamen auch sie als „mobile Dinge“ im Zuge von Migrationsbewegungen nach Niederösterreich.

Der hier vorgestellte Sonntagswagen ist ein solches Bei-spiel. Er steht in engem Zusammenhang mit der Flucht-geschichte einer Familie von Siebenbürger Sachsen, einer deutschsprachigen Minderheit im heutigen Rumänien, deren Angehörige seit dem 12. Jahrhundert im Gebiet um Hermannstadt/Sibiu und Kronstadt/Braşov ansässig wa-ren bzw. noch sind. Die Geschichte des Wagens ist ver-knüpft mit der „Evakuierung“ großer Teile der deutsch-sprachigen Bevölkerung dieser Gebiete vor der heran-nahenden deutsch-sowjetischen Front Anfang Septem-ber 1944. Rund 88.000 Angehörige der rund 298.000 in Siebenbürgen lebenden deutschsprachigen Bevölkerung (Stand 1941) flohen per Bahn oder in selbstorganisierten Trecks in Richtung des heutigen Österreich und Deutsch-land. Die meisten von ihnen blieben in Österreich oder Deutschland, einige wenige Gruppen wurden von der deutsch-sowjetischen Front überrollt und kehrten da-raufhin nach Siebenbürgen zurück.

Die Familie, die mit diesem Sonntagswagen reiste, brach Mitte September 1944 von Waltersdorf nahe Bistritz/ Bistrița nach Norden auf und schloss sich einem Treck über Ungarn nach Österreich an. Am 11. November kam sie in Hartmannsdorf bei Haslach im Mühlviertel in Ober-österreich an, wo sie auf einem Bauernhof untergebracht wurden. Weitere Stationen bis Kriegsende waren Salz-burg, Oberhöflein in Niederösterreich und Blaustaden bei Wulzeshofen nahe Laa an der Thaya.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde ihr Auf-enthaltsort Teil der sowjetischen Besatzungszone. Im August 1945 erging an die Familie die Aufforderung, wie-der nach Siebenbürgen zurückzukehren. Sie fügte sich und machte sich abermals auf den Weg. Nahe Siegendorf im Burgenland musste sie zusammen mit anderen „Re-patrianten“ ihr Lager aufschlagen – Ungarn untersagte ihnen die Durchreise nach Rumänien. Die Familie kehrte daraufhin nach Laa an der Thaya zurück und fand aber-mals Quartier auf verschiedenen Gutshöfen, wo die Fami-lienmitglieder dafür in der Landwirtschaft arbeiten muss-ten. Da eine Heimkehr nach Siebenbürgen aus der Sicht der Familie unmöglich geworden war, entschloss sie sich, in Laa an der Thaya zu bleiben.

Der Wagen, der sie auf diesen Migrationsbewegungen begleitet hatte, ist aus doppelter Perspektive für unsere Forschung relevant: Nicht nur, dass der Sonntagswagen im Zuge der geschilderten „Evakuierung“ nach Nieder-österreich kam – auch seine Bedeutung, seine Rolle, die er für die Familie im Laufe des 20. Jahrhunderts spielte, war einem Wandel unterworfen, war „mobil“ - von reiner Funktionalität hin zu einem Museumsobjekt und Erin-nerungsgegenstand: Zuerst wurde er in Siebenbürgen von der Familie für sonntägliche Ausflüge zum Vergnü-gen genutzt, für die Arbeit in der Landwirtschaft waren andere Wagen vorhanden. Dann wurder er angesichts der „Evakuierung“ vor der herannahenden Frontlinie zu ei-nem „Fluchtfahrzeug“ mit Transportkapazitäten (Einbau einer Holzkiste) umfunktioniert. Nach der Ankunft in Laa wurde er zuerst in zerlegtem Zustand in einem Stallge-bäude aufbewahrt (obwohl für ihn laut Auskunft der Fa-milie eine Zeit lang gar kein Zugtier zu Verfügung stand), dann auch einmal für eine Prozession genutzt. Später wurde er zusammengebaut in der Hauseinfahrt platziert, um an die Familiengeschichte zu erinnern, bis er als „Sammlerstück“ seinen Weg ins Kutschenmuseum in Laa an der Thaya fand, wo er restauriert wurde. Bis heute be-findet er sich dort, ­ einerseits als Beispiel für diese Bauart von Kutschen, andererseits aber auch, kontextualisiert durch den ebenfalls ausgestellten, damals mitgebrach-ten Hausrat, als Objekt für die „Evakuierung“ d. h. Migra-tionsbewegung der Siebenbürger Sachsen nach Öster-reich, somit ein durch und durch „mobiles Ding“.

 

Vgl. dazu u. a. Frank Grube ­Gerhard Richter, Flucht und Vertreibung. Deutschland zwischen 1944 und 1947. Hamburg 1980, S. 130f; Ernst Wagner, Geschichte der Siebenbürger Sachsen. Thaur bei Innsbruck 1990.

Anne Unterwurzacher (Ilse Arlt-Institut für Soziale Inklusionsforschung an der FH St. Pölten)/Dieter Bacher (Ludwig-Boltzmann Institut für Kriegsfolgen-Forschung, Standort Raabs an der Thaya)

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