Das mobile Ding des Monats JUNI

Friedericke Hackers Busch-Multinett

 

Friedericke Hacker musste mit ihrem Mann Hans und ih-rem damals siebenjährigen Sohn Georg im August 1938 aufgrund der „Nürnberger Rassengesetze“ Österreich verlassen und emigrierte nach Argentinien. In ihrem Fluchtgepäck befand sich unter anderem ein Opernglas der Marke Busch-Multinett, erworben beim Optiker Otto Schleiffelder, das sich bis heute in familiärem Besitz bef-indet. An diesem „Ding des Monats“ kann sowohl die räumliche, als auch die Bedeutungs- und die Verwen-dungs-Mobilität abgelesen werden.

Für die aus dem Wiener Bildungsbürgertum stammen-den Jüdinnen und Juden gehörte der regelmäßige Besuch von Oper, Theater, Kabarett und Konzerten zu ihrem all-täglichen Leben. Mit dem Multinett der Firma Busch „rückt man dicht an die Bühne heran, man sieht auch gut die dunklen Szenen, man überblickt die ganze Handlung, man erlebt das feine Mienenspiel,“ wie es in einer Werbe-botschaft hieß. Der Verlust dieser kulturellen Welt wird von den Emigrantinnen und Emigranten jeweils als be-sonders schmerzlich betont. Das ins Exil gerettete Opern-glas erfuhr so eine ideelle Veränderung, von einem „All-tags“- und Gebrauchsgegenstand zu einem „Heimat-stück“, an dem sich die Erinnerungen materialisieren.

Zudem symbolisierte es als Stellvertreter die zurückge-lassenen Menschen, die in der Shoah ermordeten Fami-lienmitglieder, wie Georg Hacker im Interview andeutet: „Meine Onkel mütterlicherseits waren Schriftsteller, Poe-ten, Radioleute, Theatermenschen, die sehr bekannt und intellektuell waren. Die wurden gleich am Anfang besei-tigt.“

Zwar bot Buenos Aires als die „europäischste“ Großstadt Südamerikas eine diesbezüglich ungewöhnliche Dichte an kulturellem Angebot, für die Neuangekommenen hat-ten jedoch ökonomische Notwendigkeiten die oberste Priorität. Darüber hinaus stellten sprachliche Barrieren zunächst ein unüberwindliches Hindernis für die Partizi-pation am gesellschaftlichen Leben Argentiniens dar.

Ein Kulturtransfer kam nur allmählich in Gang. Zunächst sammelten sich Theateraffine in der „Freien Deutschen Bühne“, die mithalf, die eigene Identität im Herkunfts-milieu zu bewahren. Obwohl die Oper von Buenos Aires, das Teatro Colón, sogar österreichisch-jüdische Kunst-schaffende engagierte, dauerte es lange, bis diese Insti-tution einen fixen Stellenwert im Leben der Emigrantin-nen und Emigranten einnehmen konnte. Es ist anzuneh-men, dass Friedericke Hacker in diesen Häusern mit ih-rem Busch-Multinett im Publikumssaal saß. Ihr Sohn kehrte jedenfalls in den 1950er Jahren nach Wien zurück, um am Max-Reinhardt-Seminar Schauspiel zu studieren. Über die Stationen Berlin und Paris ging Georg Hacker wieder nach Buenos Aires zurück, um dort fortan als The-aterregisseur und Lehrender an der Filmuniversität tätig zu sein. Ob er das Opernglas dabei hatte, ist ungewiss.

Seine Tochter brachte das Busch-Multinett schließlich nach Österreich zurück, allerdings nicht, um Darstellerin-nen und Darsteller auf der Bühne näher zu erleben, son-dern um die Vögel auf dem Baum vor dem Küchenfenster ihrer Wiener Wohnung besser beobachten zu können.

 

Weiterführende Literatur:

Philipp Mettauer, Erzwungene Emigration nach Argenti-nien. Österreichisch-jüdische Lebensgeschichten, Müns-ter 2010.

Martha Keil, Philipp Mettauer (Hg.), Drei Generationen. Shoah und Nationalsozialismus im Familiengedächtnis, Innsbruck 2016.

 

Philipp Mettauer, Institut für jüdische Geschichte Österreichs

 

 

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